Dr. Milena Grieger

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Wenn zu viel wirklich zu viel wird

Eine Einordnung von Dael, Meister und Krings (2025)

Wenn du dich mit Stress im Job beschäftigst, als Führungskraft oder als jemand, der abends noch die letzten Mails checkt, kennst du zwei Reaktionen darauf. Die einen sagen, du musst nur besser Grenzen setzen. Die anderen sagen, das gehört heute eben dazu, damit muss man klarkommen. Diese Studie geht einen anderen Weg. Sie fragt nicht, wie du Stress vermeidest, sondern was in dem Moment passiert, in dem du kippst.

Besonders relevant ist die Studie, weil sie zum ersten Mal genau untersucht, was Menschen erleben, wenn Arbeit sie überfordert. Nicht Stress im Allgemeinen, sondern der konkrete Punkt, an dem aus „ich schaffe das noch“ ein „ich schaffe das nicht mehr“ wird.

1. Worum geht es in der Studie?

Die Studie „Reaching Point Break: Understanding the Lived Experience of Being Overwhelmed“ von Nele Dael, Alyson Meister und Franciska Krings untersucht, wie Berufstätige den Moment erleben, in dem sie überfordert sind, im Englischen „overwhelmed“. Veröffentlicht wurde sie 2025 in Frontiers in Organizational Psychology.

94 Berufstätige haben in Interviews und offenen Fragebögen beschrieben, was Überforderung für sie bedeutet, in welcher Situation sie zuletzt überfordert waren, was sie dabei gedacht und gefühlt haben und wie sie reagiert haben.

Im Zentrum stehen zwei Fragen. Erstens, wie Menschen den Moment erleben, an dem sie kippen. Zweitens, welche Folgen dieser Moment für ihre Arbeit hat.

Die Autorinnen verstehen Überforderung nicht als vage Umschreibung von Stress, sondern als eigenen Gefühlszustand mit einem klaren Auslösepunkt: dem Moment, an dem die Anforderungen die verfügbaren Ressourcen übersteigen.

2. Zentrale Erkenntnisse

Erkenntnis 1: Überforderung ist ein eigener Zustand, kein Sammelbegriff für Stress. Die Studie zeigt, dass Überforderung sich von Angst, Frust oder Anspannung unterscheidet. Sie äußert sich körperlich als Widerspruch, Erschöpfung und Alarmbereitschaft gleichzeitig. Der Körper ist wach, aber leer. Häufig genannte Symptome sind Muskelanspannung, Herzrasen, flache Atmung oder Druck auf der Brust.

Nach außen zeigen die wenigsten davon viel. Die meisten Teilnehmenden berichten, dass sie ihre Überforderung unterdrückt haben, weiter funktioniert und nach außen ruhig gewirkt haben. Innerlich beschreiben sie dagegen ein mentales Einfrieren, nicht mehr wissen, wo man anfangen soll, am liebsten weglaufen oder sich zurückziehen wollen. Die am häufigsten genannten Gefühle waren Frustration, Angst und Bedrängnis.

Erkenntnis 2: Der Kipppunkt entsteht durch bestimmte Muster, nicht durch die Menge an Arbeit allein. Die Studie beschreibt mehrere wiederkehrende Auslöser. Dazu zählt Unvorhersehbarkeit, etwa wenn Anfragen alle gleichzeitig und unerwartet eintreffen. Dazu zählt Kontrollverlust, das Gefühl, die Situation oder die eigene Reaktion darauf nicht mehr steuern zu können. Dazu zählt der Eindruck, eigenen oder fremden Erwartungen nicht zu genügen. Und dazu zählt schlicht fehlende Zeit, Energie oder Unterstützung.

Ein Beispiel aus der Studie beschreibt ein Postfach, das während der Arbeit daran, es zu leeren, immer weiter wächst. Nicht die einzelne Mail überfordert, sondern das Gefühl, gegen etwas anzuarbeiten, das schneller wächst als man selbst.

Erkenntnis 3: Härter arbeiten hilft selten. Unterstützung holen dagegen schon. Ein zentrales Ergebnis betrifft die Frage, was Menschen tun, wenn sie überfordert sind. Die meisten haben zuerst versucht, das Problem durch mehr Einsatz zu lösen: länger bleiben, mehr Aufgaben gleichzeitig übernehmen, durchhalten. Bei der Mehrheit hat genau das nicht nachhaltig geholfen und die Erschöpfung eher vergrößert.

Deutlich wirksamer war es, sich Unterstützung zu holen, etwa bei Kolleginnen, Vorgesetzten oder im privaten Umfeld. Die Hälfte der Befragten berichtet, dass sie sich nach der überfordernden Situation schwerer konzentrieren konnten. Fast die Hälfte gab an, danach unsicherer oder weniger motiviert gegenüber der eigenen Arbeit gewesen zu sein.

3. Einordnung und Reflexion

Was bedeutet das für dich, wenn du merkst, dass du kurz vor dem Kipppunkt stehst?

Die Studie macht deutlich, dass Überforderung kein Charakterfehler ist, sondern ein Zustand mit erkennbaren körperlichen und gedanklichen Signalen. Wer diese Signale früh erkennt, kann reagieren, bevor die Ressourcen komplett aufgebraucht sind. Und wer sich Unterstützung holt, tut das Wirksamste, was in dieser Studie beschrieben wird.

Wo liegen die Grenzen dieser Studie?

Die Studie basiert auf Selbstauskünften von 94 überwiegend englischsprachigen Berufstätigen. Sie ist qualitativ angelegt und beschreibt, wie Menschen ihre Erfahrung rückblickend erzählen, nicht, wie objektiv belastend eine Situation tatsächlich war. Ob sich die Ergebnisse auf andere Kulturen, Branchen oder Arbeitsformen übertragen lassen, bleibt offen.

Was wird häufig missverstanden?

Ein verbreitetes Missverständnis ist, dass Überforderung durch mehr Anstrengung zu lösen ist. Die Studie zeigt das Gegenteil. Bei den meisten Teilnehmenden hat genau diese Strategie die Erschöpfung verlängert statt sie zu beenden.

4. Transfer in Alltag und Coaching

Für deinen Alltag bedeutet das, dass der Moment, bevor du kippst, mehr Aufmerksamkeit verdient als der Moment danach. Muskelanspannung, ein enger Brustkorb oder das Gefühl, den Überblick zu verlieren, sind keine Kleinigkeiten, die du ignorierst, bis das Wochenende kommt.

Im Coaching zeigt sich das immer wieder, gerade bei Menschen, die viel mit digitalen Tools, ständiger Erreichbarkeit und paralleler Kommunikation arbeiten. Der Reflex ist fast immer derselbe: noch eine Mail beantworten, noch eine Aufgabe reinquetschen, noch etwas länger dranbleiben. Diese Studie liefert einen guten Grund, genau diesen Reflex zu hinterfragen, und stattdessen früher um Unterstützung zu bitten.

5. Persönlicher Impuls

Nimm dir für einen Moment Zeit und frag dich:

  • Woran merke ich körperlich, dass ich mich Richtung Kipppunkt bewege?
  • Versuche ich es gerade mit mehr Einsatz zu lösen, obwohl das schon länger nicht mehr hilft?
  • Wen bitte ich um Unterstützung, bevor es kippt?

Überforderung beginnt selten mit einem großen Knall. Sie beginnt mit dem Moment, den du übergehst.

6. Quelle

Dael, N., Meister, A., & Krings, F. (2025). Reaching point break: understanding the lived experience of being overwhelmed. Frontiers in Organizational Psychology, 3, 1590159.

Understand it. Feel it. Change it.

Milena

Hinweis

Die hier dargestellten Inhalte dienen der Information und persönlichen Reflexion und ersetzen keine medizinische oder therapeutische Behandlung.

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