Dr. Milena Grieger

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Veränderung braucht mehr als Motivation

Eine Einordnung von Prisniakova et al. (2023)

Wenn du dich mit Veränderung beschäftigst, beruflich, persönlich oder innerlich, dann kennst du wahrscheinlich zwei Extreme. Entweder wird Veränderung romantisiert im Sinne von „Du musst es nur wollen“ oder problematisiert im Sinne von „Das ist halt schwer“. Dieses Paper geht einen anderen Weg. Es betrachtet Veränderung psychologisch fundiert und gleichzeitig praxisnah.

Besonders relevant ist die Studie für Veränderungsprozesse, weil sie zeigt, dass Selbstentwicklung weder Zufall noch reiner Willensakt ist. Veränderung entsteht durch das Zusammenspiel von innerer Haltung, bewussten Entscheidungen und unterstützenden Rahmenbedingungen. Genau dort setzt das Paper an.

1. Worum geht es in der Studie?

Die Studie „Psychology of Self-Development: Strategies and Factors of Effective Personal Growth“ untersucht, wie Menschen sich selbst entwickeln und welche Bedingungen persönliches Wachstum begünstigen oder behindern.

Im Zentrum stehen drei Leitfragen. Erstens, wie Selbstentwicklung psychologisch verstanden werden kann. Zweitens, welche Strategien Menschen nutzen, um sich zu verändern. Drittens, welche Faktoren dazu beitragen, dass Veränderung gelingt oder scheitert.

Die Autorinnen und Autoren verstehen Selbstentwicklung nicht als einzelne Methode, sondern als langfristige Lebensstrategie, die sich über verschiedene Lebensphasen hinweg unterschiedlich zeigt.

2. Zentrale Erkenntnisse

Erkenntnis 1: Menschen nutzen unterschiedliche Strategien für Veränderung. Die Studie beschreibt drei grundlegende Strategien der Selbstentwicklung. Die erste Strategie ist Imitation. Hier orientierst du dich an Vorbildern, Rollenmodellen oder gesellschaftlichen Erwartungen. Das kann dir Orientierung geben, birgt jedoch das Risiko, Ziele zu verfolgen, die nicht wirklich deinen eigenen Werten entsprechen. Die zweite Strategie wird als Wendepunkt Erfahrung beschrieben. Veränderung entsteht hier durch Krisen, Verluste oder Brüche. Diese Form der Veränderung kann sehr kraftvoll sein, setzt jedoch voraus, dass du die Krise als Möglichkeit zur Neuorientierung begreifst. Die dritte Strategie ist die zielgerichtete und bewusste Bewegung. Du triffst klare Entscheidungen, setzt konkrete Ziele und arbeitest mit Etappen. Diese Strategie wird im Paper als besonders stabil und nachhaltig beschrieben.

Erkenntnis 2: Selbstentwicklung braucht unterstützende Faktoren. Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass Veränderung nicht isoliert stattfindet. Persönliches Wachstum wird begünstigt durch empathische Unterstützung, klare Zielklarheit, Selbstorganisation, zwischenmenschlichen Austausch, das Streben nach Selbstverwirklichung und kreative Reflexion. Besonders wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass Hilfe anzunehmen kein Zeichen von Schwäche ist, sondern ein wesentlicher Wirkfaktor für nachhaltige Veränderung.

Erkenntnis 3: Veränderung scheitert häufig an psychologischen Barrieren. Die Studie benennt typische Blockaden, die Selbstentwicklung erschweren. Dazu zählen Angst vor Selbsterkenntnis, fehlende Verantwortungsübernahme, unrealistische Zielsetzungen, negative Vorerfahrungen und mangelnde Selbstreflexion. Diese Barrieren wirken oft unbewusst und erklären, warum gute Vorsätze allein selten ausreichen.

3. Einordnung und Reflexion

Was bedeutet das für dich, wenn du dich verändern möchtest?

Das Paper macht deutlich, dass nachhaltige Veränderung Klarheit, bewusste Entscheidungen und Unterstützung braucht. Es geht weniger darum, dich permanent zu motivieren, sondern vielmehr darum, deine Strategie zu verstehen und passende Rahmenbedingungen zu schaffen.

Wo liegen die Grenzen dieser Studie?

Die Studie arbeitet überwiegend theoretisch und konzeptionell. Es handelt sich nicht um eine experimentelle Interventionsstudie mit klaren Ursache Wirkung Nachweisen. Die Erkenntnisse liefern Orientierung, ersetzen jedoch keine individuelle Diagnostik oder therapeutische Begleitung.

Was wird häufig missverstanden?

Ein häufiges Missverständnis ist, dass jede Form von Selbstentwicklung automatisch positiv ist. Das Paper zeigt klar, dass Veränderung auch in Regression münden kann, wenn sie unreflektiert, rein reaktiv oder egozentrisch erfolgt.

4. Transfer in Alltag und Coaching

Für deinen Alltag bedeutet das, dass Veränderung weniger mit Durchhalten und mehr mit Ausrichten zu tun hat. Klare Ziele, bewusste Entscheidungen und soziale Unterstützung erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Veränderung gelingt.

Im Coaching zeigt sich immer wieder, dass Menschen ins Handeln kommen, wenn sie verstehen, warum sie etwas verändern wollen, wie sie vorgehen können und welche Unterstützung sie dabei nutzen dürfen.

Dieses Paper bietet dafür ein solides psychologisches Fundament.

5. Persönlicher Impuls

Vielleicht magst du dir einen Moment Zeit nehmen und dich fragen:

  • Welche Strategie prägt meine aktuelle Veränderung
  • Handle ich aus eigener Entscheidung oder reagiere ich vor allem auf äußere Umstände?
  • Welche Form von Unterstützung würde mir gerade wirklich helfen?

Selbstentwicklung beginnt oft nicht mit einem großen Schritt, sondern mit ehrlicher Selbstbegegnung.

6. Quelle

Prisniakova, L., Aharkov, O., Samoilov, O., Nesprava, M., & Varakuta, M. (2023). Psychology of self-development: strategies and factors of effective personal growth.

Understand it. Feel it. Change it.

Milena

Hinweis

Die hier dargestellten Inhalte dienen der Information und persönlichen Reflexion und ersetzen keine medizinische oder therapeutische Behandlung.

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