Die häufigsten blockierenden Glaubenssätze
Eine Einordnung von Osmo et al. (2018)
Viele Menschen wünschen sich Veränderung: mehr innere Sicherheit, bessere Beziehungen oder einen stimmigeren Umgang mit sich selbst. Vielleicht hast auch du schon erlebt, dass Motivation allein nicht immer reicht und Veränderung trotz klarer Ziele ins Stocken gerät.
Dieses Paper liefert keinen Veränderungsratgeber. Es tut etwas Grundlegenderes: Es macht sichtbar, welche Arten von tief verankerten Überzeugungen du über dich selbst und andere entwickeln kannst. Und wie stark diese mit emotionaler Belastung zusammenhängen. Wenn du verstehen möchtest, warum Veränderung manchmal schwerfällt, findest du hier einen wissenschaftlich sauberen Zugang zu einem oft unsichtbaren Wirkfaktor.
1. Worum geht es in der Studie?
Blockierende Glaubenssätze spielen in Coaching, Therapie und psychologischer Forschung seit Langem eine zentrale Rolle. Dennoch wurden sie lange eher theoretisch beschrieben als systematisch gemessen.
Die Studie von Osmo et al. (2018) setzt genau hier an. Sie untersucht sogenannte negative Core Beliefs, tief verankerte, meist unbewusste Überzeugungen über das Selbst und andere, und entwickelt ein Instrument, mit dem diese erstmals differenziert und empirisch zuverlässig erfasst werden können.
Forschungsfrage:
Wie lassen sich negative Core Beliefs valide messen, und wie hängen unterschiedliche Arten dieser Glaubenssätze mit psychischer Belastung wie Angst und Depression zusammen?
Kontext:
Weil Core Beliefs bestimmen,
- wie Menschen sich selbst sehen,
- wie sie andere einschätzen
- und wie sie Veränderung überhaupt für möglich halten.
2. Zentrale Erkenntnisse
Die Entwicklung des Negative Core Beliefs Inventory (NCBI) führte zu mehreren wichtigen Erkenntnissen:
Erkenntnis 1: Negative Glaubenssätze lassen sich klar strukturieren und zuverlässig messen. Sie sind kein vages Konzept, sondern empirisch erfassbare psychologische Konstrukte.
Erkenntnis 2: Negative Glaubenssätze über das Selbst stehen besonders stark im Zusammenhang mit Depression, während negative Glaubenssätze über andere stärker mit Angst korrelieren.
Erkenntnis 3: Innerhalb der selbstbezogenen Glaubenssätze zeigen sich vier wiederkehrende Muster, die besonders häufig mit emotionaler Belastung und eingeschränkter Handlungsfähigkeit verbunden sind:
-
Hilflosigkeit / Unterlegenheit
-
Verletzlichkeit
-
Unliebenswürdigkeit
-
Wertlosigkeit
3. Einordnung und Reflexion
Was bedeutet das für dich, wenn du dich verändern möchtest?
Wenn Veränderung sich für dich manchmal schwer oder widersprüchlich anfühlt, legen die Ergebnisse dieser Studie eine wichtige Perspektive nahe: Es liegt nicht zwangsläufig an fehlender Motivation oder Disziplin. Häufig wirken tief verankerte Überzeugungen im Hintergrund, die beeinflussen, was du dir zutraust, erlaubst oder überhaupt für möglich hältst.
Diese Glaubenssätze laufen oft automatisch ab. Genau deshalb können sie Veränderungsprozesse unbemerkt ausbremsen. Selbst dann, wenn du bewusst etwas anders machen möchtest.
Wo liegen die Grenzen dieser Studie?
Gleichzeitig ist wichtig, die Ergebnisse realistisch einzuordnen:
- Die untersuchte Stichprobe bestand aus Menschen aus der Allgemeinbevölkerung, nicht aus klinischen Patient:innen.
- Die Daten basieren auf Selbstauskünften, was subjektive Verzerrungen nicht ausschließt.
- Die Studie zeigt Zusammenhänge, erklärt aber nicht, wodurch Glaubenssätze konkret entstehen oder sich verändern.
Was wird häufig missverstanden?
Negative Glaubenssätze sind kein Zeichen persönlicher Schwäche. Sie entstehen oft als sinnvolle Anpassung an frühere Erfahrungen. Dass sie sich heute noch zeigen, bedeutet nicht, dass mit dir etwas „nicht stimmt“, sondern dass dein System einmal gelernt hat, sich so zu schützen.
4. Transfer in Alltag und Coaching
Wenn du die Ergebnisse dieser Studie auf deinen eigenen Alltag oder einen Coaching-Kontext überträgst, lassen sich einige zentrale Impulse ableiten:
- Veränderung beginnt oft nicht bei dem, was du tust, sondern bei dem, was du über dich selbst glaubst.
- Glaubenssätze müssen nicht bekämpft oder „weg gemacht“ werden. Sie wollen zuerst verstanden werden: als Strategien, die dir einmal geholfen haben.
- Nachhaltige Entwicklung entsteht selten allein durch Einsicht. Entscheidend sind neue Erfahrungen, die alte Überzeugungen allmählich relativieren können.
Das Paper liefert keine Anleitung zur Veränderung. Es bietet dir jedoch ein präziseres Verständnis dafür, wo es sich lohnen kann hinzuschauen, wenn Veränderung immer wieder ins Stocken gerät.
5. Persönlicher Impuls
Vielleicht nimmst du aus diesem Artikel keine konkrete Lösung mit, aber eine neue Frage:
Welche Überzeugung über dich selbst oder andere wirkt gerade im Hintergrund deines Lebens?
Manchmal beginnt Veränderung genau dort, wo etwas erstmals bewusst wird.
6. Quelle
Osmo, F., Wenzel, A., de Oliveira, I., & Menezes, I. (2018). The negative core beliefs inventory (NCBI): Development and Psychometric properties. Journal of Cognitive Psychotherapy, 32(1), 1-18.
Understand it. Feel it. Change it.
Milena
Hinweis
Die hier dargestellten Inhalte dienen der Information und persönlichen Reflexion und ersetzen keine medizinische oder therapeutische Behandlung.
